Von der inneren Beziehung

Wenn ein geliebter Mensch geht, liegt die Seele blank. Sie ist wund und zerbrechlich. Und immer wieder stellt sie diese eine Frage: Warum?


Traurig ist keiner gerne. Und dennoch: Man kann diese Emotion nicht einfach abstellen wie eine zu heiß gewordene Herdplatte. Sie ist angeboren. „Traurigkeit überfällt uns eben- so wie Hunger oder Durst, Freude oder Zorn“, sagt die Schweizer Psychotherapeutin Prof. Dr. Verena Kast. „Sie ist eine biologische Grundgegebenheit. Traurigkeit verspürt man, wenn man etwas verliert, das für einen wertvoll war. So auch einen Menschen, der zu einem gehörte.“

Trauer im Wandel
Verlustgefühle tauchen bereits auf, wenn eine Beziehung in die Brüche geht. „Dann habe ich aber immer noch die große Hoffnung, dass sich die Beziehung wieder zum Guten wendet“, sagt Verena Kast. „Wenn ich einen geliebten Menschen hingegen durch Tod verliere, so fühle ich eine gnadenlose Abwesenheit.“ Ende der 1970er-Jahre stellte die Lehranalytikerin ein Vier-Phasen-Modell auf, das die Trauerpsychologie bis heute prägt: Die erste Phase ist gekennzeichnet durch das Nicht-wahrhaben-Wollen. Der zurückgelassene Mensch verdrängt den Tod und verleugnet die Realität. „Er steht unter Schock“, erklärt Verena Kast, „und denkt: ‚Das ist alles ein böser Traum. Das ist nicht wahr. Ich werde wieder aufwachen.‘“

Dieser Phase folgt die Phase der aufbrechenden Emotionen. Gefühle wie Schmerz, Trauer, Wut und Ohnmacht überkommen den Trauernden und sind Reaktion auf seine Verzweiflung. Die dritte Phase ist die des Suchens und Sich-Trennens: Erinnerungen kommen hoch und ermöglichen es, eine innere Beziehung zum verlorenen Menschen einzugehen – stets mit dem Wissen, dass dieser Mensch nicht mehr zurückkommt. „In der vierten Phase, in der man den Verlust dann akzeptiert hat, muss man den Schmerz opfern“, erklärt Verena Kast. „So kann das Leben für den Trauernden wieder interessant werden.“

Ein inniges Band
Für den Psychotherapeuten und Autor Roland Kachler dient dieses Modell in der Praxis nur als Orientierung: „Die vier Phasen der Trauer sind wie eine grobe Landkarte, die uns zeigt, wie sich unsere Gefühle entwickeln“, sagt er. Er sieht die Trauer als einen Veränderungsprozess, in dem sich eine äußere Beziehung in eine innere verwandelt. „Wenn ich einen schweren Verlust erlitten habe, sollte ich einen Weg finden, mit meinem verstorbenen Kind oder Mann im Gespräch zu bleiben“, erklärt Roland Kachler. „Denn nicht der Verlust, sondern der geliebte Mensch sollte Teil meines Lebens sein.“

Um diese innere Beziehung aufbauen zu können, ist es wichtig, den geliebten Menschen an einem sicheren Ort zu wissen. Das kann das Grab sein, das Zimmer des Verstorbenen, die Erinnerung an ihn oder ein spiritueller Ort wie der Himmel. Umgekehrt brauchen auch Trauernde einen guten Ort, an dem sie ihre Trauer leben können: zum Beispiel einen Sessel, in den man sich zurückzieht, Gedanken oder auch das Gespräch mit Freunden oder Menschen, die gleiche Verluste erlitten haben und die man beispielsweise in einer Selbsthilfegruppe kennenlernt. „Hier ist es wichtig, dass es eine spezifische Trauergruppe ist: Wenn ich ein Kind verloren habe, sollte ich eine Gruppe mit verwaisten Eltern aufsuchen, wenn ich den Mann oder die Frau verloren habe, eine Gruppe mit zurückgelassenen Partnern“, erklärt der Psychotherapeut. In der Gruppe können sich die Teilnehmer gemeinsam Rituale schaffen, die ihnen bei der Trauer und beim Überwinden des Verlusts helfen.

Wertvolle Schätze
Darüber hinaus spielen Erinnerungen eine wichtige Rolle. Indem man sich erinnert, kann man sich den Menschen nochmals nah heranholen. „Zum Beispiel können sich Trauernde einen Erinnerungsschatz anlegen und in einer Truhe bestimmte Erinnerungsgegenstände wie Fotografien, Kleidungsstücke, CDs oder Dinge, die der Verstorbene selbst gemacht hat, aufbewahren“, sagt Roland Kachler. Auch ein Erinnerungsbuch, in das Erinnerungen an den geliebten Menschen aufgeschrieben werden, kann bei der Trauerarbeit helfen. „Wichtig ist, dass hier die eigenen Gefühle zum Ausdruck kommen“, sagt Verena Kast. „Erlebnisse einfach nur chronologisch aneinanderzureihen, befriedigt nur in gewisser Weise.“ Die Erinnerungen ermöglichen es, die Beziehung zu dem Menschen nochmals zu reflektieren.

Trauer hat viele Gesichter
Anders hingegen spielt sich die Trauer bei Kindern ab: Sie leisten keine Reflexionsarbeit. „Kinder trauern viel punktueller“, erklärt Psychotherapeutin Verena Kast. Bei ihnen kann es sein, dass sie tagelang nicht über den Verlust nachdenken, sich plötzlich aber wieder daran erinnern. „Man sollte Kinder nicht in die Trauer hineinstoßen, sie kommt von ganz alleine“, empfiehlt Verena Kast. „Wenn es aber so weit ist, sind Da sein und Gefühle teilen gefragt.“

Überhaupt ist Trauer etwas sehr Individuelles. „Gefühle zeigen wird in unserer Gesellschaft tendenziell mehr den Frauen zugestanden“, beschreibt Roland Kachler. Was aber nicht heißt, dass Männer weniger trauern: „Sie trauern meist nicht so expressiv, nicht so emotional, sondern rationaler.“ Viel rascher erwartet die Gesellschaft von ihnen, wieder zu „funktionieren“. Dabei kann auch ihnen das Umfeld wichtige Impulse geben, die Trauer zu überwinden. Indem man beispielsweise auf die Hinterbliebenen zugeht und gezielt fragt: „Wie geht es dir mit deiner Trauer?“ Oder einfach für die Person da ist, ihr zuhört und Erinnerungen an den geliebten Menschen teilt.

Buch-Tipp: „Meine Trauer wird dich finden. Ein neuer Ansatz der Trauerarbeit“ von Roland Kachler. Kreuz Verlag, 14,95 €, 179 Seiten.

Quellenangabe: alverde Magazin, Ausgabe November 2009



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