Abschied nehmen

Trauerrituale finden sich zu allen Zeiten in allen Kulturen. Kann eine symbolische Handlung helfen, den Verlust eines Menschen zu verarbeiten?


Über Jahrhunderte hinweg waren Bestattungsriten oder Trauersymbole ganz selbstverständlich in der Gesellschaft verankert und den Menschen vertraut. Heute gilt das nur noch bedingt – etwa, weil manche Rituale als nicht mehr zeitgemäß erscheinen, weil manche Menschen mit Religion überhaupt wenig anfangen können oder weil sie Glaubensrichtungen angehören, in denen andere Traditionen gelebt werden.

Noch in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es bei uns zumindest auf dem Land ganz selbstverständlich, Trauernde nicht alleine zu lassen. Gemeinsam mit den engsten Angehörigen nahm auch die Dorfgemeinschaft Abschied. Der Trauerzug war öffentlich und führte durch die ganze Gemeinde. Heute findet Trauer meist in aller Stille im engsten Familienkreis statt – ohne Kondolenzbesuche oder in größerer Gemeinschaft geteilte Gefühle. Auch Traueranzeigen, Grabsteine als Ausdruck des beständigen Erinnerns oder die schwarze Trauerkleidung sind nicht mehr verbindlich. Als einziges obligatorisches Ritual ist die Bestattung geblieben – die bürokratisch streng reglementiert ist.

Trauern in der Gemeinschaft
Ist die Unkenntnis solcher Rituale oder der bewusste Verzicht darauf ein Verlust? „Ja“, sagt Thomas Multhaup aus München, der seit Jahren Trauernde als kirchenunabhängiger Seelsorger begleitet. „Ohne Rituale würde im Trauerprozess etwas Wesentliches fehlen. Das gilt für jeden Übergang oder Verlust. Ein Ritual kann helfen, etwas bewusst abzuschließen, auf eine andere Ebene zu heben, und so auch einen anderen Umgang damit ermöglichen.“ Doch geht es dem Seelsorger nicht darum, vorhandene Bräuche einfach nur weiterzupflegen, weil es sie gibt. Er sieht seine Aufgabe vielmehr darin, den Abschiedsprozess so zu gestalten, dass er dem Verstorbenen und seinen Angehörigen entspricht. So berichtet Thomas Multhaup von einem ungewöhnlichen, in der Praxis sehr bewegenden Ritual: „Nach der Beisetzung mit allen Mitfeiernden ein Stück von der Lieblingsschoko- lade eines Verstorbenen zu teilen, schafft Verbindung zu ihm, aber auch unter denen, die um ihn trauern.“

Voraussetzung sei, einem Verstorbenen und den Trauernden ein Ritual nicht einfach überzustülpen, sondern herauszufinden, welche Vorstellungen in einer Familie beheimatet sind. „Manchmal begegnen sich heute in Familien verschiedene religiöse, philosophische und geisteswissenschaftliche Vorstellungen. Diese lassen sich nicht immer selbstverständlich unter den christlichen Hut bringen. Hier nach Wegen zu suchen, wie sich tradierte christliche Elemente mit anderen Vorstellungen von Lebensdeutung und -hoffnung verbinden lassen, finde ich spannend und freue mich, wenn dann eine stimmige Umsetzung in einer Feier gelingt“, so Thomas Multhaup. Nur wenn die Hinterbliebenen sich und den Verstorbenen in einer Feier wiederfinden, ist es möglich, dass innere Trauer einen Ausdruck im äußeren Ritual finden kann.

Trauer ist ein elementares Gefühl, eine normale Reaktion angesichts eines Verlustes. Wer sie nicht zulassen und durchleben kann, läuft Gefahr der Fehlanpassung und Depression, schrieb Sigmund Freud schon 1917. Darum braucht Trauer auch ein Miteinander: „Leben findet im Austausch statt. Darum brauchen gerade so schwere Gefühle wie Trauer oder Verlust ein Gegenüber“, sagt Thomas Multhaup.

Sich bewusst Zeit nehmen
Noch etwas hat der Trauerbegleiter in seiner langjährigen Tätigkeit als Seelsorger gelernt: Trauer benötigt Zeit. „Die Tage zwischen Tod und Bestattung sind unheimlich schwere Tage. Aber es sind auch kostbare Tage. Sie sollte man nutzen, um bewusst Abschied zu nehmen.“ Trauer, so hat der ehemalige Priester selbst erfahren, besitzt durchaus eine Qualität, wenn man sich die Zeit nimmt, einen Verlust nicht nur zu betrauern, sondern ihm durch den Trauerprozess auch einen Platz im Leben zu geben: „Denn ein Leben besteht niemals nur aus Gewinn, auch der Verlust gehört dazu. Wer nicht lernt, diesen in sein Leben zu integrieren, dem wird es auch nicht gelingen, Gewinne richtig zu verarbeiten.“

Buch-Tipp: „Von einem, der da ist, wenn die Seele Trauer trägt“ von Thomas Multhaup. Zabert Sandmann Verlag, 16,95 €, 160 Seiten.

Quellenangabe: alverde Magazin, Ausgabe November 2009



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